Jeder kennt sie. Die Musiker an der U-Bahn. Die einen sind genervt, wenn sie auftauchen, für die anderen sind sie eine willkommene Flucht aus dem Alltagsstress. Ich gehöre zu den Letzteren. Ich mag Musik. Klassik, Jazz, Pop, Rock. Seitdem ich fünf Jahre alt bin, spiele ich Gitarre. Und seitdem ich denken kann, freue ich mich über U-Bahnmusiker. Als Kind saß ich plötzlich aufrecht auf der Bank am Bahnhof. Ich war stolz, wenn ich ihnen etwas in den Becher stecken durfte. Als Teenager nahm ich die Musik aus meinen Ohren und heute frage ich mich: Wer sind diese Menschen? Diese Menschen, die mich schon mein Leben lang in Berlin begleiten, mich wieder erkennen, mir zunicken, so wie ich sie wiederkenne und mir jeden Tag Freude bereiten. 

Name:                                               Seph and the street

Alter:                                                 29

Nationalität:                                 Deutsch

Seit wann U-Bahnmusiker:  2009

Lieblingsstation:                        Möckernbrücke (U1)

Instrument:                                 Stimme und Gitarre

Musik:                                            Straßen Poesie

Umsatz am Tag:                         50 Euro

Stunden:                                        vier

Das Tuten der U-Bahntüren ist wie ein Startsignal, als ob im Konzertsaal das Licht ausgeht: der Moment in dem alle ruhig sind und man nur das Atmen seines Nachbarn hört. Im U-Bahnhof ist es nun auch wieder ruhig. Langsam sammeln sich die nächste Fahrgäste auf dem Bahnsteig. Neugierige Blicke sind auf Seph gerichtet gerichtet. Er schaut auf seine Gitarre. Streckt  ein letztes Mal nach und nach jeden Finger und lässt dann den ersten Ton erklingen. Erst leise und dann immer kräftiger hallen die hellen Akkorde durch den Raum. Er singt sein Lied “Teufelskreis”: “Schönen guten Tag, meine Damen und Herren, vielleicht wisst ihr schon beim nächsten Halt meinen Namen nicht mehr, falls sich einer was merkt dann vielleicht Penner oder Junkie…”

Vier Tage die Woche besingt er Passanten. Unter seinem Hoddie baumeln Dreads heraus. Über dem Rücken hängt die schwarze Softgitarrentasche. “Ich habe mit nix angefangen, ich kam aus dem Bau”, sagt er.

Die Ein-Mann-Band Seph and the Streets ist eine der Berühmtheiten der U-Bahnmusiker. Mit seinen gesellschaftskritischen Texten gibt er den Armen eine Stimme und versucht andere aufzurütteln.

Vor 29 Jahren kam Seph in Jena auf die Welt. Seine Mutter zieht seit seinem zweiten Lebensjahr als Barkeeperin, Schauspielerin und Krankenschwester quer durch Deutschland und Seph mit. Nach Berlin, Gelsenkirchen, Bochum, in kleine und große Städte. “Ich bin ohne Vater aufgewachsen”, sagt er und schaut auf seine Hände. Es dauert, bis er den Blick wieder lösen kann. Sobald der Freundeskreis seiner Mutter anfängt zu wackeln, ist es das Zeichen, in eine neue Stadt zu gehen. Mit dreizehn Jahren begegnet er das erste Mal der Jugendhilfe und landet im Jugendheim.

Nach dem Realschulabschluss beginnt Seph eine Lehre. Kurz vor Ende bricht er ab. Warum, weiß er heute nicht mehr so genau. Vielleicht hätte er ja so arbeiten können und Musik machen. Warum Musik? Weil sie ihn immer am Leben gehalten hat. Musik und Poesie.

Das erste Mal, dass er eine Gitarre auf einem Bahnhof erklingen lässt ist an einem anderen Hochsommertag vor neun Jahren. Am S-Bahnhof Schlachtensee schleichen Leute die Treppe in Flipflops hoch. Müde von einem Tag am Wasser. “Mein Kumpel hatte seine Gitarre dabei und ich rappte, während wir auf die Bahn warteten. Die Leute gaben uns Geld, das war so nicht geplant. Doch so fing alles an.”

Seit diesem Tag spielt Seph in U-Bahnhöfen, schon damals am liebsten am Hallischen Tor. Er lernt von anderen U-Bahnmusikern: Leute auflockern und nicht gleich loslegen, ein Hut kommt besser als ein Becher, wie man Akkorde findet und zusammenspielt. “Das war mein Startschuss. Und ich hatte einen Traum. Cash machen, selber produzieren und weiterverkaufen.”

Doch dann lief alles anders als geplant. “Ich war ungeduldig und verdiente nicht so gut, wie gedacht.” Seph verfällt in alte Muster und die Musik tritt wieder in den Hintergrund. Er lässt sich für Drogengeschäfte anheuern. Bis er einer waghalsigen Geschichte zusagt: in die Karibik fliegen und drei Kilo Kokain rausschmuggeln.

“Ich hatte natürlich keine Ahnung wie das geht und bin prompt am Flughafen verhaftet worden. Ich saß erst 22 Monate in Tobago, dann die restlichen neun in Berlin. Bereuen tue ich diese Erfahrung aber nicht.”

Seph betritt das erste Mal in den Gefängnishof in Tobago, gelb gekachelt. Er ist der einzige Weiße. Ihm ist mulmig. Alle drehen sich um. Jeder weiß: Der hat was mit Drogen zu tun. “Ich bin in den Hof gekommen, habe mich umgeschaut und den nächstbesten gefragt: Wer hat hier eine Gitarre?” Hinter der Toilette, sitzt einer und spielt, ist die Antwort. Seph geht hin und will sich das Instrument leihen. “`I don want a wight boy on my thing,` bekam ich als Antwort. Er wolle nichts Weißes an seiner Gitarre.” Seph redet so lange auf ihn ein, bis er spielen darf. Er geht zurück in die Mitte des Hofes. Setzt sich im Schneidersitz hin und spielt.

Wie neugierige Spatzen kommen die anderen näher, lauschen und dann machen sie mit. Auf einem umgedrehten, leeren Eimer. Trommeln. Klatschen in die Hände. “Ab da an suchte ich immer nach einer Möglichkeit Musik zu machen. So bekam ich den ein oder anderen Gefallen, wie etwas mehr zum Essen, von denen die in der Küche arbeiten.”

Seph hat endlich den Status eines Musikers, in der Karibik, im Gefängnis. Der gibt ihm den nötigen Kick, um Musik zu seinem Beruf zu machen. Drei Jahre hat Seph im Gefängnis Zeit, sich zu überlegen, was er mit seinem Leben anfangen will: Er will nicht nur für Geld oder ein Lächeln spielen. Er möchte zum Reflektieren anregen: “Jeder egal ob Gefängnisaufseher, Kreakhead, Jung oder Alt liebt Musik.“ Vor Jahrhunderten waren Musiker die Vermittler zwischen König und Volk, das waren die Barden. Sie hatten Narrenfreiheit und konnten frei kommunizieren. “Heute werden wir nur noch als Entertainer wahrgenommen. Aber ich bin Barde. Barde für die Straßen Berlins,“ sagt Seph. Seine Hände fangen die Wörter auf und lassen sie durch seine schmalen Arme und Brust wellenartig fließen.

Seine Botschaften verstecken sich in seinen Texten, wie in “Teufelskreis”: “…Ich weiß, warum mir kein Mensch in die Augen schaut, ich bin ein Spiegel der Gesellschaft, ein Produkt des Systems, ein Extrem, das jedem zeigt, so kann es nicht weitergehen.” Seitdem er 19 Jahre alt ist, singt er den Text. Manchmal passt er ihn an, an die Situation und seine Erlebnisse.

Es ist sein Kassenschlager. “Jeder kennt die Motzverkäufer und hat versucht nicht hinzuschauen, ich selber auch.“ Es ist 2009 und noch ein frischer Frühlingstag. Seph machte gerade Pause als er hört, das ein Motzverkäufer, der ihm immer Mal wieder beim Spielen begegnete, den Winter nicht überlebt hat.  “Ich saß auf der Kurfürstenstraße, mitten in dieser heftigen Drogen- und Prostetuiertensezne, da wo wirklich noch Straße ist. Ich schrieb um, nahm etwas von mir raus und den Verkäufer rein.”

Seph singt selbstbewusst. Klar. Durchdringend. Manche Verse stechen wie Nadeln sein Publikum: “Mal ehrlich Leute schaut doch mal hoch vom Smartphone, sieh die Leute um dich herum, könnte sein das es sich lohnt, stell dir vor, du könntest Gedanken, bei irgend nem Fremden lassen, deine Sorgen durch ein verständnisvolles Nicken leicht entlasten, ein Junge guckt sich um und denkt `vielleicht is dit viel zu belastend`…”

Er spiegelt die Gesellschaft, so wie er sie sieht: absolut egoistisch. “Hier leben die Leute im Überfluss und schauen weg, reflektieren nicht. Neid und Hass dominieren und ermutigt die Gesellschaft. Jeder, der an einem verwahrlosten Penner vorbeigeht und wegschaut, ist der Spiegel der Gesellschaft.”

Sonntagmorgen, Hochsommer. Mit der Sonne kommen auch die letzten Partygäste. Neben ihm hocken vier Jungen, frustriert, denn sie haben kein Mädchen abbekommen. Seph spielt. Plötzlich steht ein breiter Mann vor ihm. Tätowiert. Gangsterrappertyp. Und brüllt auf Englisch los: Mann, merkst du nicht, niemand will dich hören. Seph verstummt. Der Mann wird immer aggressiver. “Dann spüre ich eine Hand auf meiner Schulter. Ich drehe mich um, es ist einer der Jugendlichen, den ich regelmäßig an meiner Station sehe und er sagt: Mensch, shut se fuck ab, he is the fucking best.” Es bilden sich zwei Gruppen. Eine hinter Seph, die anderen vor ihm. Es wird lauter. Seph mitten drinnen. Er atmet tief durch, streckt jeden seiner Finger und legt los: “Hit the road man, and don’t you come back…” Hinter ihm stimmen die Leute ein. Die gegenüberliegende Menge verstummt und löst sich auf.

“Man lernt viel über Berlin durch die U-bahn. Es ist ein spezielles Publikum. Punkbräute, Touristen und die Berliner selber: wenn den wat nich passt, dann haben die och keen Problem dat zu zeigen, wa!?” Alle muss er bei Laune halten. Seine Musik sei für die Straße und nur kleine Gigs. Mit den Musikern auf den großen Bühnen könne er nicht mithalten, sagt er über sich selbst. Auf You-Tube hat sein Lied “Teufelskreis” 1.623 Aufrufe, auf Facebook hat Seph and the Streets immerhin über tausend Follower.

“Meine Herrschaften der ein oder andere von Ihnen hat die folgende Geschichte heute bestimmt schon mal beobachten können”, beginnt Seph erneut zu singen. “Denn sie passiert so gut wie jeden Tag. Da kommt so ein Typ , sieht so ein bisschen verwahrlost aus.” Manchmal fragt sich Seph, was die Leute denken, wenn er sich in deren Mitte stellt und anfängt “sie mit meinem selbstgeschrieben Zeug zu bombardieren. Vielleicht denkt sich da jemand, der hat ein Aufmerksamkeitsdefizit.”

Ohne Gitarre ist Seph nicht gerne in der U-Bahn. Es sei so, wie wohl für andere, an einem freien Tag ins Büro zu fahren. “Trotzdem schaue ich dann die Leute an, als ob ich gleich meine Gitarre zücken würde. Sie ist mein Schutz, der Beat auf dem ich aufbaue.” Mit seiner Musik will er den Menschen “den Stock aus dem Arsch ziehen und sie damit verprügeln.”

Am Anfang seiner U-Bahnkarriere verzichtete er auf eine eigene Wohnung. Vor drei Jahren lernt er seine Partnerin kennen, eine thailändische Künstlerin. “Bestimmte Sachen ändern sich. Ich habe jetzt Verpflichtungen und komme wieder ins staatliche System.” Jeph will zwar von Musik leben, muss sie aber nicht im Radio hören. Zwei bis drei Mal in der Woche groß spielen, damit er sich an den anderen Tagen auf seine Familie konzentrieren kann. Seph ist nämlich inzwischen zweifacher Vater. Stolz. Wenn er über seine kleine Familie redet funkeln seine eisblauen Augen und unter dem Bart blitzt ein breites Lächeln hervor.

Zu seinen Eltern hat er inzwischen wieder Kontakt. Sein Vater lebt mit seiner neuen Familie in Irland. “Die vier Kinder bekommen Hausunterricht. Das ist gut. Keine Institution, sondern individuelles Lernen”, sagt Seph. “Wir haben auch schon überlegt hinterher zu ziehen. Aber wir sind als Familie vorbelastet.” Er will erst mal schauen, wie weit er es mit dem schafft, was er sich in Berlin aufbaut. Ab und zu wechselt er vom U-Bahnhof auf kleine Bühnen.

“Natürlich habe ich auch manchmal kalte Füße. Aber so lange es geht, alles gezahlt werden kann und es mich erfüllt, ich bei den Leuten ankomme, mache ich so weiter.” Außerdem ist seine Erfahrung: Für das Jobcenter sei er ein Ex-Knacki, der acht Jahre nichts gemacht hat. “Straßenmusiker kommt nicht so gut auf dem Lebenslauf. So muss ich in der Musikszene weiterkommen.”

Er nennt sich den Bettlerprinzen, zumindest auf Facebook. Aber eigentlich wird er “Seph and the streets” gerufen. Wenn eine seiner Münzen auf den Boden fällt, tut er so als ob nichts passiert sei. Er dreht sich nicht um. Sie bleibt liegen. Es ist sein Tribut an die Straße, etwas was er zurückgibt und einem anderen helfen kann.

Info: 

Die BVG vergibt bis zu 80 Genehmigungen in der Woche. Jeden Mittwoch können sie für 7,90 Euro gekauft werden. U-Bahnmusiker sind Sommerarbeiter. Sobald die Temperaturen sinken, werden nur noch knapp 20 von den sonst hart umkämpften Lizenzen verteilt. Der Musiker darf dann einen Tag lang an einem ausgewählten Bahnhof mit dem eingetragenen Instrument spielen, manche schließen sich auch zusammen. Auf die Nachfrage, was mit den Musikern passiert, wenn sie nicht zahlen und spielen, kommt als Antwort: “Das wollen Sie lieber nicht wissen. Es ist nicht nur teuer.” Die Autorin hat nur mit Musikern gesprochen, die nicht aufdringlich sind und eine ihrer Ermessens nach musikalisch wertvolle Leistung erbringen.

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